Dehnen, was kurz ist – trainieren, was schwach ist
Hinter vielen Beschwerden steht dasselbe Muster: Ein Muskel ist verkürzt oder zu angespannt, sein Gegenspieler zu schwach. Das Gelenk steht dadurch schief, und irgendwann tut es weh – oft an einer ganz anderen Stelle.
Acht typische Beschwerden und ihr Muster
Jeweils mit dem, was verkürzt ist, was gedehnt und was trainiert werden sollte – klapp auf, was dich betrifft.
Rumpf und Unterkörper
Unterer Rückenschmerz
Verkürzt – der Hüftbeuger
Dehnen – Iliopsoas
Trainieren – Gesäßmuskulatur
Vorderer Knieschmerz
Verkürzt – Oberschenkelstrecker und Hamstrings
Dehnen – beide
Trainieren – Hüftstrecker
Achillessehnenbeschwerden
Verkürzt – die Wadenmuskulatur
Dehnen – Wade
Trainieren – Fußhebermuskulatur
Fersensporn und Plantarfasziitis
Verkürzt – Wade und Fußsohle
Dehnen – beide
Trainieren – Fußhebermuskulatur
Oberkörper
Nacken- und oberer Rückenschmerz
Verkürzt – der Brustmuskel
Dehnen – Pectoralis
Trainieren – Rhomboideus
Schulterschmerz und Impingement
Verkürzt – Delta- und Brustmuskel
Dehnen – beide
Trainieren – Infraspinatus und Rhomboideus
Tennisellenbogen
Verkürzt – die Unterarmstrecker
Dehnen – Strecker
Trainieren – Beuger
Golferellenbogen
Verkürzt – die Unterarmbeuger
Dehnen – Beuger
Trainieren – Strecker
Dehnen richtig verstanden
Rund um das Dehnen kursieren viele Halbwahrheiten. Hier die wichtigsten Klarstellungen.
Quellen
8: Roussouly P, et al. (sagittale Balance / Kompensationsmechanismen). Eur Spine J. 2013 Nov;22(Suppl 6):834–841. PMC3830026.
9: Simic L, Sarabon N, Markovic G. Does pre-exercise static stretching inhibit maximal muscular performance? A meta-analytical review. Scand J Med Sci Sports. 2013 Mar;23(2):131-48. doi: 10.1111/j.1600-0838.2012.01444.x.
11: Thomas E, Bianco A, Paoli A, Palma A. The Relation Between Stretching Typology and Stretching Duration: The Effects on Range of Motion. Int J Sports Med. 2018 Apr;39(4):243-254. doi: 10.1055/s-0044-101146.
13: Pradines M, Ghedira M, Portero R, et al. Ultrasound Structural Changes in Triceps Surae After a 1-Year Daily Self-stretch Program: A Prospective Randomized Controlled Trial in Chronic Hemiparesis. Neurorehabil Neural Repair. 2019 Apr;33(4):245-259. doi: 10.1177/1545968319829455.
15: Caliskan E, Akkoc O, Bayramoglu Z, et al. Effects of static stretching duration on muscle stiffness and blood flow in the rectus femoris in adolescents. Med Ultrason. 2019 May 2;21(2):136-143.
16: Nojiri S, Yagi M, Mizukami Y, Ichihashi N. Static stretching time required to reduce iliacus muscle stiffness. Sports Biomech. 2019 [Epub ahead of print]. doi: 10.1080/14763141.2019.1620321.
17: Lempke L, Wilkinson R, Murray C, Stanek J. The Effectiveness of PNF Versus Static Stretching on Increasing Hip-Flexion Range of Motion. J Sport Rehabil. 2018 May 1;27(3):289-294. doi: 10.1123/jsr.2016-0098.
Eine schwache Gesäß- und Rumpfmuskulatur stabilisiert das Becken nicht mehr. Es kippt nach hinten, die natürliche Lordose flacht ab, Bandscheiben und Wirbelgelenke werden stärker belastet. Der Körperschwerpunkt wandert nach vorne, das Knie bleibt leicht gebeugt, der Druck zwischen Kniescheibe und Oberschenkel steigt – vordere Knieschmerzen. Achillessehne und Fußsohle bekommen mehr Last. Und damit der Schwerpunkt trotzdem über den Füßen bleibt, rundet sich die Brustwirbelsäule, während der Nacken kompensatorisch überstreckt .
Eine scheinbar kleine Muskelschwäche löst also eine Kettenreaktion aus, die vom unteren Rücken über Knie und Füße bis in Nacken und Schultern reicht.
Das Prinzip
Agonist und Antagonist
Ist ein Muskel verkürzt, senkt ein Training seines Gegenspielers dessen Spannung. Auf Dauer kommt die Balance zurück, das Gelenk findet in die Neutralstellung, und Folgeschäden an Sehnen, Bändern, Gelenken und Bandscheiben werden vermieden.
Dehnen löst die verkürzte Seite
Trainieren stärkt den Gegenspieler
Ergebnis – die Dysbalance kommt zurück in Balance
Mythos 1
„Dehnen bringt nichts“
Überholt ist nur das lange Dehnen unmittelbar vor dem Sport, der Pre-Stretch. Dabei verlieren die Muskelspindeln kurzzeitig ihre Grundeinstellung, die Rückmeldung ans Gehirn wird ungenau und das Verletzungsrisiko steigt . Zudem sinkt kurzfristig die Maximalkraft . Daraus wurde fälschlich verallgemeinert, Dehnen sei generell sinnlos.
Kurz aufwärmen unter 10 Sekunden ist vor dem Sport in Ordnung
Lang dehnen gehört danach oder in eine eigene Einheit
Mythos 2
„Muskeln lassen sich nicht verlängern“
Kurzfristig stimmt das – dafür sorgt das Molekül Titin, das Aktin und Myosin wie ein Zugseil verbindet. Deshalb gelingt kein Spagat aus dem Stand. Langfristig verlängert sich der Muskel aber durch Wachstum , . In einer Studie über ein Jahr wurde der Wadenmuskel im Schnitt um 1,81 Zentimeter länger . Und die einfachste Gegenfrage an Zweifler: Wie sollten Turnerinnen und Balletttänzer sonst einen Spagat lernen?
Geduld – acht Wochen und mehr, für einen Spagat oft zwei bis drei Monate
Die Dosis
Wie lange dehnen wirklich?
Hier liegt der häufigste Fehler: zu kurz. Mal eben zehn Sekunden bringt niemanden weiter. Wer den Muskel wirklich entspannen und langfristig verlängern will, braucht deutlich mehr Zeit unter Spannung , , .
Mindestens 60 Sekunden, besser 60 bis 240 Sekunden pro Dehnung
Nach 2 Minuten zeigte sich in einer Studie noch kein Effekt auf die Muskelspannung, nach 5 Minuten schon
Regelmäßig und langfristig – sonst passiert strukturell nichts
Und die Form?
Statisch, dynamisch, aktiv, passiv, postisometrische Relaxation, Faszienrolle, Mobility Training – dass eine Form den anderen deutlich überlegen wäre, ist nicht belegt. Statisches Dehnen war in einer Studie genauso effektiv wie PNF-Stretching .
Am Ende ist Stretching, Mobility Training und Faszientraining dasselbe: Dehnung. Nimm die Form, die dir Freude macht – und bleib dabei.
Passender Plan dazu – Yoga, Stretch & Flow verbindet Dehnung mit Kräftigung
Den ganzen Artikel lesen – alles zum Dehnen von Dr. Volker